rbb Kultur –

30minütiger Fernsehbeitrag über das Kulturquartier Altes Postgelände und die Andere Welt Bühne

 

Unvergessen – Teil 1

„Die Theatermacher machen Theater ohne den Brechtschen V-Effekt: Keine Verfremdung, ganz direkt und unverstellt. Sie machen sich nackig, sie gehen ans Eingemachte, Persönliche. […] Das Strausberger Theaterkonzept ist keine Bühne zum Zurücklehnen und Amüsieren. Die Schauspieler behalten ihre Fragen nicht für sich, sondern geben sie an das Publikum weiter. […] Der anhaltende, begeisterte Premierenapplaus zeigt, dass die Botschaft angekommen ist.“

Jens Sell / Märkisch-Oder-Zeitung

Komplette Kritik zu der Inszenierung UNVERGESSEN im neuen deutschland.

 

räuber*innen

„… Der Regisseur Matthias Merkle hat, inspiriert von dem Bauhausarchitekten Friedrich Kiesler, eine so konstruktivistisch wie mittelalterlich anmutende Drehbühne gezimmert, durch die das Modell einer feudalen Krone ebenso schimmert wie das Brecht’sche Räderwerk eines großen Mechanismus, den man Staat nennen könnte. Das Multifunktionsgerüst dient seit Juni als Dauerbühne, über die bereits die ersten zwei Premieren liefen. Die Schauspielerin und Co-Leiterin des Theaters Melanie Seeland erarbeitete sie zusammen mit einem kleinen Ensemble hoch motivierter, spielwütiger Kolleginnen und wechselnden Gastregisseuren. … allein der Mut, im Brandenburger Outback zuerst nach Dringlichkeit zu suchen anstatt nach leichtem Konsum, ist ein echter Gewinn.“
 
Berliner Zeitung, Doris Meierhenrich
 

 

Die Überflüssigen

“ (…) Auch wenn in der Aufführung an der Anderen Welt Bühne nicht geprügelt wird: Das Stück passt in das ehemalige Wasserwerk der DDR- Nachrichtenzentrale in Strausberg wie die Faust aufs Auge. Während drinnen über die ländliche Ruhe gestritten wird, tönt von draußen das „Mäh, Mäh“ von Schafen herein. Und doch ist das Stück gewalttätig, auch wenn keine Fäuste fliegen und kein Theaterblut fließt. Es ist die psychologische Bedrängnis, in die die ländlichen Sturköpfe den kreativen Unruhegeist ganz subtil einmauern, das organisierte Misserfolgserlebnis, das ihn zerstört. (…)“

Jens Sell, MOZ, 5. August 2019

https://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1744753/?res=1

 

Wie, wenn nicht warum ?

„(…) des schrägen Politik- Diskurs- Schwanks (…) Unter dem Aspekt, dass linke Ideen sich im Extrem mit rechten kreuzen, wird eine absurde Theatersituation inszeniert, in der nicht mehr ganz klar ist, wo links, rechts, oben, unten und vor und hinter dem Vorhang ist. Mit viel Verve vorgetragene Redeausschnitte und Gedichte (sehr bemerkenswert: Brechts Lob des Kommunismus) kollidieren mit Situationskomik und Romantik. (…)“

Jens Sell, MOZ, 12. Juli 2019

 

Horror Vacui ?

„(…) Auf Holzbänken sitzt das Publikum um eine Drehbühne herum. Die Schauspielerinnen und Theaterbetreiberinnen Melanie Seeland und Ines Burdow erzählen Geschichten aus der Zeit des Mauerfalls und danach – Bruchstücke, die nachdenklich, euphorisch und auch kritisch sind. Ihre Widersprüchlichkeit spiegelt die Komplexität des Themas. (…) Im Strudel der Ereignisse dreht sich die Bühne unermüdlich. Inés Burdow und Melanie Seeland toben und tanzen über die Holzscheibe, springen hinunter, um sie anzuschieben. Sie tragen durchsichtige, farbig umsäumte Regenmäntel, als müssten sie sich schützen. Doch die Ereignisse, die auf sie einprasseln, lassen sich nicht abhalten. (…) Die Überforderung, die die Wendezeit mit sich brachte, wird sinnlich erfahrbar. Trotzdem täte der Inszenierung etwas mehr Ruhe und Vertrauen in die Texte gut. Denn Langeweile kommt ganz sicher nicht auf. (…)“                                                    Inga Dreyer, MOZ, 6. Mai 2019

„(…) Hinter dem philosophischen Titel (lat. Angst vor der Leere) versteckt sich etwas, das viele Bewohner in Strausberg und anderswo betrifft: 30 Jahre Mauerfall – ein Grund zum Feiern? Auf der Drehbühne geht es rund (…) Die Partystimmung wird stetig von Musik- und Textgegensätzen gebrochen (…) Die zahlreichen Stimmen basieren vor allem auf den Geschichten von Strausbergern, die im März an drei Workshops teilnahmen. (…)“         Corinna von Bodisco, Tagesspiegel, 6. Mai 2019

 

Heimatmaschine

“ Der Titel „Heimatmaschine“ gemahnt an Heiner Müllers „Hamletmaschine“ von 1979. Der hatte seinerzeit aus Shakespeares Hamlet Szenen und Bilder herausgelöst und in verstörender Sprache scheinbar zusammenhanglos wieder zusammengefügt. In der „Heimatmaschine“ geht es andersherum: Zitate vieler Autoren werden zusammengefügt und sind durch ihren Bezug auf Heimat mitei­nander verbunden. Aber es geht ähnlich turbulent wie bei Müller zu – ein rastloses, geradezu atemloses Stück, das den Bühnenraum durchmisst und den Zuschauer immer wieder überrascht und fesselt. (…)

Heimat als Gegenstück zur Fremde wird in den Texten auseinander genommen und auf Land, Landstrich, Ort, Haus und Wohnung heruntergebrochen. Texte von Anna Seghers, Stefan Heym, Herta Müller, Stefan Zweig, Einar Schleef bis hin zu Deniz Yücel geben Interpretationsmöglichkeiten und werden von aus dem Off eingespielten rechtspopulistischen Passagen konterkariert. „Wir sind nicht zum Spaß hier!“, heißt es in einem Text sehr nachdrücklich, und es scheint angesichts der aktuellen Bezüge ernst gemeint.(…) “

MOZ, Jens Sell, 10.9.2018

 

Das Ziel ist im Weg

“ (…) Auf der Bühne ragen Bäume Richtung Decke. In dieser Wildnis zwei Frauen, die gleichzeitig etwas Ähnliches und doch etwas ganz Anderes suchen.

Die eine (Melanie Seeland) – mit blonden Dreadlocks und Tarzan-Outfit – glaubt, hier ein neues, besseres Leben zu finden, eine Alternative jenseits der sogenannten Zivilisation. Auch die andere (Inés Burdow) baut sich hier ein Haus – allerdings aus Steinen statt aus Lehm. Mitten im märkischen Wald prallen Lebenswürfe aufeinander, große und kleine Fragen unserer Zeit. Klimakrise, Migration, Krieg, Umweltzerstörung: Gründe zu fliehen, gibt es genug. „Der Weg ist das Ziel“ heißt in der Verballhornung des Strausberger Theaters „Das Ziel ist im Weg“. Hindern uns unsere Ideale daran, das zu erreichen, was wir wollen? Stehen wir uns selbst im Weg? Wenn sich die beiden allzu sehr mit ihren Argumenten verhaken, gibt es eine Pause: Sie ziehen die Vorhänge zu und wieder auf.  Aus dem Off sind Zitate aus dem Essay „Der Waldgang“ des Schriftstellers Ernst Jünger zu hören. (…) “

MOZ, Inga Dreyer, 10.08.2018

 
„Minutenlang anhaltender Beifall und Blumen krönten die Premiere des Stücks „Das Ziel ist im Weg“ am vergangenen Sonnabend im Theater Die Andere Welt Bühne. Rund 50 Schauspielinteressierte aus der Region bis hin nach Berlin füllten die rustikal gezimmerten Holzbänke im ehemaligen Wasserwerk der früheren Fernmeldezentrale in der Garzauer Straße. Sie erlebten eine kurzweilige und zeitgemäße Auseinandersetzung mit einem alten Text von Ernst Jünger, der sich mit der Pflicht zum Widerstand angesichts ein zum Terror tendierenden Regimes befasst.

Das Stück mutet streckenweise wie ein Trialog an, nicht nur die beiden Schauspielerinnen Melanie Seeland und Inés Burdow äußern ihre Standpunkte, sondern aus dem Off spricht Regisseur Matthias Merkle Postulate von Ernst Jünger. Beide Frauen sind ausgestiegen und im Wald gelandet und dennoch Widersacherinnen. Die Eine (Burdow) will sich ein Haus aus Steinen bauen, Zivilisation in ihr neues Leben retten, einschließlich gewohnter Ernährung. Die Andere (Seeland) ist die Alternative, die ihre Hütte aus Stroh und Lehm bauen will und nicht ganz konsequent vegan lebt.

In der Debatte kommt vieles Gegenwärtige zur Sprache, Flüchtlingspolitik wie Umweltschäden, und das spricht auch die Strausberger Besucher an. „Ich kenne die Standpunkte gut aus meiner Familie“, sagt Ruth Kalk aus Strausberg anschließend, „es ist mir sehr wichtig, dass wir so ein neues Kulturangebot hier haben.“ “

MOZ, Jens Sell, 30.07.2018

Theater der Zeit, September 2018:

Go to top